Auf
Einladung von Guido Strack vom Whistleblow
er Netzwerk e.V. fanden sich
am Montag den 19.09.2011 einige Piraten und Sympathisanten im
hessischen Landtag ein, um an der 19. Sitzung des
Untersuchungsausschusses zur Steuerfahnderaffäre teilzunehmen und zu
berichten. Herr Strack, der von der letzten Sitzung des
Untersuchungsausschusses ein Live-Blog angefertigt hatte, welches einen
Eklat und temporären Platzverweis seiner Person nach sich zog, war
diesen Montag leider verhindert, um seinen Bericht fortzuführen.
Für unseren piratigen Live-Blog haben wir Twitter verwendet und
basierend auf den Tweets mit Hashtag #liveblog ist dieses Posting
entstanden:
Begonnen hat die Sitzung um zehn Uhr morgens mit einem nicht
öffentlichen Teil der etwa eine halbe Stunde gedauert hat. Anschließend
wurde der erste Zeuge, Herr Dietrich Elies, vernommen.
Der Zeuge Elies tat sich zu Anfang sehr schwer damit, detailliert
über den Vorgang aus dem Jahr 2005 zu berichten. Wen wundert dies. Laut
eigener Aussage wusste Herr Elies bis zu seiner Beauftragung mit dem
Fall Schmenger nichts von den Mobbing- und Bossing-Vorwürfen. Herr Elies
hatte im Laufe der Untersuchung nach und nach von den Informationen
Kenntnis erhalten. Er wurde nach dem ersten Brief Schmengers an den
Ministerpräsidenten beauftragt, eine “vollumfängliche Aufklärung” des
Falles Schmenger durchzuführen.
Laut Elies’ Einschätzung waren die Vorwürfe Schmengers unberechtigt.
In den Fragerunden der Fraktionen konnte Elies keine Aussage treffen,
ob es neben gesundheitlichen noch weitere Gründe für eine
Ruhestandsversetzung Schmengers gab. Den Gesundheitsaspekt unterstreicht
Elies, indem er von Schmenger berichtet, dass dieser “optisch nicht
gerade gesund aussah” und auf seinen Bandscheibenvorfall sowie
Schmengers bleiches Gesicht hinweist. Elies erwähnt auch gleich
mehrfach, dass Schmenger zum Zeitpunkt seiner Untersuchung krank
geschrieben gewesen sei. Herr Elies gibt ebenfalls an, dass es kein
förmliches Remonstrationsverfahren Schmengers gegen die Amtsverfügung
und Ruhestandsversetzung gab.
In dem gesamten Verfahren hatte Elies keinen Kontakt zu einem der
anderen betroffenen Steuerfahnder, lässt sich aber zu in der Befragung
zu Aussagen hierzu hinreißen und vermutet auch hier keine
Unstimmigkeiten. Herr Elies gibt auch zu, dass im Rahmen seiner
“vollumfänglichen Aufklärung” kein Eingriff in die Personalführung
erfolgte, obwohl “Personalführungsverhalten sicherlich noch ein
dankbares Thema gewesen wäre”. Den schwarzen Peter bezüglich des
Mobbings reichte Elies damit an die Personalabteilung weiter. In der
Befragung durch die SPD-Fraktion kam kurz auf, dass es Berichte über
Schmenger gab, wonach dieser sich nicht in Hierarchien einordnen könne.
Elies konnte hierzu keine Aussage tätigen.
Der Ausschussvorsitzende (Leif Blum, FDP) hat wiederholt und
eindrücklich darauf verwiesen, dass Bild- und Tonprotokolle, unabhängig
mit welchen technischen Hilfsmitteln angefertigt, unzulässig seien.
Nach einer kurzen Pause ging es mit der Befragung des Zeugen Gerd Hoin weiter.
Laut Herrn Hoin gab es einen Konflikt zwischen Schmenger und seiner
Bereichsleitung. Das war Anlass für ein Gespräch mit Schmenger. Man
erörterte mit Schmenger Lösungsoptionen, wie z.B. eine Umbesetzung,
evtl. als Sachgebietsleitung.
Der Zeuge Hoin wurde dann zur Einleitung des Verfahrens der
Dienstunfähigkeit befragt und zu den Möglichkeiten, wie Schmenger evtl.
wieder hätte dienstfähig werden können. Herr Hoin sagte aus, dass
Schmenger schriftlich angewiesen wurde, sich beim Versorgungsamt
untersuchen zu lassen. Das Dienstfähigkeitsgutachten über Schmenger
stammte nicht von einer externen Stelle sondern aus dem Versorgungsamt.
Steuerfahnder Wehner hatte sich gegen die Weisung zur Untersuchung beim
Versorgungsamt zur Wehr gesetzt. Das Versorgungsamt beurteilte
Schmenger damals dienstunfähig. Herr Hoin hatte im Laufe des
Dienstunfähigkeitsverfahren ein Telefonat mit Herrn Dr. Holzmann,
welcher ihm versicherte, dass Schmenger tatsächlich dienstunfähig sei.
Ansonsten gab es laut Herrn Hoin keine weiteren Kontakte z.B. durch
Ministerpräsident Koch oder Finanzminister Weimar im Fall Schmenger. Der
Rechtsvertreter von Schmenger fragte nach dem Gutachten über dessen
Dienstunfähigkeit. Dieses Gutachten lag zum Zeitpunkt dieser Anfrage
aber nicht vor. Laut Hoin soll Holzmanns Gutachten an Schmengers
Rechtsvertreter übersandt worden sein. Hoin selbst kenne das Gutachten
nur in Teilen.
Schmenger hatte der Ruhestandsversetzung nicht zugestimmt. Diese
wurde trotzdem beschlossen, da dienstunfähige Beamte generell in den
Ruhestand versetzt werden würden und die Zustimmung nur Formsache sei.
Weitere involvierte Stellen hätten das Ruhestandsverfahren nicht
beanstandet. Schmenger hatte kein Widerspruchsverfahren dagegen
eingeleitet. Laut Herrn Hoin stand damals noch die Frage im Raum, ob
Herr Schmenger explizit in der Steuerfahndung hätte weiter arbeiten
können. Bei der Befragung durch die CDU-Fraktion wurde dies höhnisch auf
die Spitze getrieben: “Kommt es häufiger vor, dass Mitarbeiter sagen,
ich bin nur in einem einzigen Bereich arbeitsfähig?” Hoin verneinte
dies und sagte aus, dass dies auch größere Probleme in der
Personalplanung nach sich ziehen dürfte.
Zwischen der Ruhestandsverfügung und ihrer Umsetzung lagen mehr als 9
Monate. Die Verfügung habe solange im Ministerium gelegen. Warum das
so war, konnte Zeuge Hoin nicht sagen.
Die Öffentlichkeit wurde für einige Zeit ausgeschlossen und eine längere Pause angesetzt.
Im weiteren Verlauf der Befragung des Zeugen Hoin wurde immer wieder
zwischen verschiedenen Fragestellungen hin und her gesprungen. So sagte
der Zeuge z.B. aus, dass die Eheleute Feser auf Grund einer Empfehlung
des Betriebsarztes versetzt wurde. Um nur wenig später über den
Gutachter Dr. Holzmann zu sprechen, dessen Daten Herr Hoin von einem
Mitarbeiter erhalten habe, aber nicht mehr wisse von welchem.
Vom Fall Schmenger hat der Zeuge aus einem Artikel im Stern gelesen,
hat daraus aber keine Konsequenzen gezogen und die Unterzeichnung der
offenen Zwangspensionierung somit nicht überdacht. Er sagte, dass eine
Beurteilung nicht auf Basis eines Artikels stattfinden müsse, sondern
durch ein Gericht.
Anschließend wurde wieder gesprungen, diesmal ging es um die
Stellenausschreibungen auf denen Herr Schmenger, Eheleute Feser und alle
weiteren versetzt wurden. Dort gab Herr Hoin an für diese
Ausschreibungen zuständig gewesen zu sein. Dabei wurden allerdings zwei
Versionen an die einzelnen Finanzämter gesandt. Die erste wurde bereits
einen Tag später widerrufen und durch die zweite Version ersetzt. Herr
Hoin hält es für unwahrscheinlich, dass in dieser Zeit bereits eine
Bewerbung vorgelegen hat. In der weiteren Befragung zu diesem Teil kam
schließlich heraus, dass drei Bewerbungen verloren gegangen sind, dies
sei aber unbeabsichtigt geschehen und kommt höchst selten vor. Bei einer
Bewerbung wurde nicht einmal der Eingang festgestellt.
Im weiteren Verlauf der Befragung stellte sich schließlich heraus das
die Oberfinanzdirektion bereits seit 2002 von den Problemen in der
Steuerfahnung wusste und 2004 das erste Mal schriftlich informiert
wurde. Die Probleme wurden allerdings jedes Mal als Einzelfälle
behandelt. Herr Hoin hatte keine Möglichkeit weitere Gutachten, abgesehn
des Falls Schmengers, zu lesen. Für das Gutachten Herrn Schmengers
wurde ein psychatrisches angefordert obwohl dessen Krankschreibung nur
auf organischen Befunden beruhte. Die Oberfinanzdirektion gab den
Hinweis, dass dieses erstellt werden sollte
Gegen 17:20 Uhr wurde Herr Hoin schließlich aus dem Zeugenstand
entlassen und es wurde kurze Zeit die Öffentlichkeit ausgeschlossen, um
zu beraten wie weiter verfahren wird.
Der letzte Zeuge für heute war Herr Krebs-Wetzl. Er wurde zu Beginn
belehrt, wie man es aus jedem Gericht kennt. Anschließend sollte er
berichten, wie er die Geschehnisse erlebt hat. Er begann mit den
Erzählungen im Jahr 2001 und schilderte seine Laufbahn in der
Finanzverwaltung und was er schließlich mit dem Fall zu tun hatte.
Das Hauptthema der Erzählung und Befragung waren die Versetzung und
wie die Steuerfahnder mit diesen umgingen. Er berichtete, dass die neuen
Mitarbeiter der Servicestelle “Recht” keine Arbeit hatten und
insgesamt nicht froh, teilweise sogar unzufrieden oder sauer über die
Versetzung waren. Den Steuerfahndern wurden schließlich insgesamt elf
Fälle übergeben von denen am Ende einer bearbeitet wurde, wobei
allerdings noch Nacharbeit erforderlich war.
Herr Krebs-Wetzl gab den unglücklichen Mitarbeitern genügend Zeit
sich auszutauschen, da niemand wirklich froh über die Versetzung war. Er
bekam also direkt mit, wie es den Betroffenen ging und hatte dabei ein
“ungutes Gefühl”. Warum die Mitarbeiter dorthin versetzt wurden und
von wo sie kamen, wollte Herr Krebs-Wetzl gar nicht wissen. Er
“verkniff” sich die Nachfrage.
Helfen konnte der Zeuge Herrn Feser aber auch nicht, obwohl er es
wollte. Herr Feser hatte sich zwar wieder auf Stellen in der
Steuerfahndung beworben, wurde aber abgelehnt. Der Zeuge sagte explizit,
dass es Herrn Feser schlecht ging, weil er nicht mehr in der
Steuerfahnung arbeiten konnte.
Mit der Befragung von Herrn Krebs-Wetzl endete die Sitzung des Untersuchungsausschusses. Es berichteten @alibi_ranch, @debaernd, @manolo_pph, @no1de, @s0720072 und @seb666.
Wir danken zum Einen noch Herrn Strack vom Whistleblower Netzwerk für
die Einladung. Den Whistleblowern auszuhelfen, war für die anwesenden
Piraten eine neue und spannende Erfahrung. Zum Anderen wollen wir der
SPD zu ihrem positiven Statement zum Thema Liveblogging gratulieren!
Der Untersuchungsausschuss findet geplant an folgenden weiteren
Terminen statt und die Whistleblower haben sicher nichts gegen eine
helfende Hand:
- 30.9., 9:00 Uhr
- 31.10., 8:30 Uhr
- 4.11., 9:30 Uhr
- 21.11., 10:00 Uhr
- 5.12., 8:30 Uhr
Dieses Posting darf und soll in unveränderter Form möglichst
weit gestreut werden. Packt es auf Euren Blog und verbreitet die
Nachricht:
Liveberichte aus Untersuchungsausschüssen lassen sich nicht verhindern…