Ob Castor oder Stuttgart 21 - der Zorn macht sich langsam Luft.
Spätestens jetzt beginnt der etwas verschleppte Wettlauf gegen den
Überwachungsapparat. Überwachung kommt nicht aus heiterem Himmel, sie verfolgt
immer einen Zweck. Und so naiv sind die Herrschenden nicht, als daß sie nicht
selbst genau wüßten, daß eine Handvoll islamisch inspirierter Terroristen keine
Gefahr für Deutschland sind. Nein. Die Angst in Führungskreisen hat andere
Gründe. Handfestere Gründe. Frankreich, Griechenland. Hier zeigte sich als
erstes, was aus Sozialem Unfrieden erwächst: Der Zorn der Bevölkerung.
In Deutschland brennen noch keine Vorstädte, doch die Luft
wird dünner. An sich ist Stuttgart 21 kein solch aufsehenerregendes Projekt.
Derlei Projekte gab es viele, ohne daß sich deswegen mehr bewegt hätte, als die
‚ewigen Mahner und Protestler‘, denen ansonsten nicht viel Gehör geschenkt
wird. Allenfalls ein mürrisches und privates Gebrummel hätte es gegeben - und
in einem halben Jahr spätestens hätte es wieder jeder vergessen.
Und jetzt? Jetzt wird der Protest bürgerlicher. Der innere
Zorn sucht einen Anlaß, einen Aufhänger. Das ist nicht das Schlechteste -
richtet sich der Zorn nämlich nicht nach außen, dann richtet er sich nach
innen. Zorn, der nicht nach außen geht, macht krank, verletzt die Seele und
knabbert am Lebenswillen. ‚Unerklärliche‘ Amokläufe sind die fast schon
logische Folge aus aufgestautem Zorn, der innen ausgetragen wird. Daran ändert
kein einziges Killerspielverbot etwas. Doch die Depression wandelt sich mehr
und mehr in Aggression. Da nicht sein kann, was nicht sein darf und man somit keine
Zweifel an einem System aufkommen lassen möchte, das nicht den Menschen,
sondern nur den Profit zum Ziel hat, bleibt der Zorn ungerichtet. Und doch ist
er da. Er wird sich entladen. An einzelnen Punkten. Niemand weiß, wann oder wo.
Und genau hierfür möchte man gerüstet sein.
2013 wird das Europäische Forschungsprojekt INDECT
beendet sein. INDECT wird endlich Ergebnisse bringen. Daten jedes Bürgers aus
sämtlichen Datenquellen miteinander verknüpfen und auswerten. Eigenständig verdächtiges
Verhalten auf der Straße registrieren und melden. Mit INDECT wird man
versuchen, vorauszusehen, wo Protest aufkommen kann - im Idealfall bevor es die
Protestierenden selbst wissen. INDECT ist ein Instrument, von dem man sich Einschüchterung,
vor allem aber Kontrolle verspricht. Eine Möglichkeit, die Kontrolle zu
behalten, ohne auf den Menschen rücksichtnehmen zu müssen.
INDECT ist aber nur ein Baustein von vielen, vielen
Überwachungsmaßnahmen, die in Form von Sicherheitspaketen binnen kürzester Zeit
durch die Parlamente gepeitscht wurden und werden. Noch können wir unzensiert
und abseits der Meinungsmache Blogs und Berichte anderer Menschen lesen und
auch selbst Informationen verbreiten. Offen reden. Uns offen versammeln. Offen
unseren Protest ausdrücken. Diese Möglichkeiten müssen wir nutzen. Wenigstens
versuchen, die Ungerechtigkeit zu beenden und den Menschen selbst zum Zentrum des
Interesses machen. Die Totalüberwachung wird uns diese Möglichkeiten nehmen.
Klarmachen zum Ändern - bevor es zu spät ist.